Spekulation
„Ich habe oft Angst, nach dem Preis zu fragen.
Ich frage von Weitem, höre es und gehe dann langsam wieder weg.“
(Landarbeiter aus Bangladesch, Oxfam 2011a: 5)
 

Dieser Satz könnte aus einer Milliarde Mündern kommen, denn ungefähr so viele Menschen hungern auf der Welt. Dies liegt zu einem Großteil an steigenden Lebensmittelpreisen. Für Menschen in Deutschland sind steigende Nahrungsmittelpreise verhältnismäßig ungefährlich – wir geben nur 10-20% unseres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Doch für Menschen aus dem globalen Süden, die bis zu 80% ihres Einkommens für Essen ausgeben, hat dies fatale Folgen: den Hunger.

 

Doch wieso steigen die Lebensmittelpreise?
Einige Gründe sind offensichtlich: Die Weltbevölkerung wächst kontinuierlich. Die Produktion von Bio-Sprit verbrauchte in den letzten Jahren zusätzliche Lebensmittel. Die wachsende Fleischindustrie braucht immer mehr Futter. Alle diese Faktoren führen zu einer größeren Nachfrage und damit zu einem höheren Preis. Diese Gründe können aber nicht erklären, wieso – vor allem seit 2006 – die Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais oder Soja nicht nur stark anstiegen, sondern zusätzlich extrem schwankten. Ein Beispiel: Im Jahr 2008 fielen die Maispreise, obwohl alle diese oben genannten Faktoren weiterhin aktiv waren. Eine sinnvolle Erklärung dafür könnten Nahrungsmittelspekulationen sein.

 

Wie funktioniert die Rohstoffbörse?
Es gibt verschieden Arten von Rohstoffhandel. Zum einen gibt es das sogenannte “spot trading”. Hier wechseln Ware und Geld sofort oder binnen weniger Tage den Besitzer. Im Gegensatz dazu gibt es auch den Terminhandel, wo die Zahlung und Lieferung der Ware erst zu einem späteren Termin erfolgen. Hier werden Futures ausgestellt. Ein Future ist ein Vertrag, bei dem ein Geschäft in der Zukunft beschlossen wird. Im Future werden der Abnahmetermin, der genaue Preis und die Qualität und Menge der Ware festgelegt. Ganz konkret: Ein Future kann z. B. zwischen einem Weizenbauern und einem Mühlenbesitzer abgeschlossen werden. Dadurch erhalten beide mehr Planungssicherheit. Sie können sicher sein, im nächsten Jahr ihren Weizen verkauft bzw. gekauft zu haben, und wissen, wie viel sie damit eingenommen bzw. dafür bezahlt haben.
Es gibt allerdings auch Spekulanten, die diese Futures kaufen, um auf steigende (oder fallende Preise) zu wetten. Diese Spekulanten investieren in Futures allein aus der Erwartung, sie später zu einem höheren Preis verkaufen zu können und dadurch einen Gewinn zu erwirtschaften Solange solche Spekulationen an der Börse in der Unterzahl sind, sind sie nicht problematisch, sondern stabilisieren sogar den Preis. Da diese Spekulanten aber kein Interesse an den Lebensmitteln haben, die sie durch ihre Futures gekauft haben, stellen sie diese kurz vor dem Auslaufen „glatt“. Dies bedeutet, dass sie sich z. B. den gekauften Weizen gar nicht liefern lassen, sondern ihn vorher selber teurer verkaufen. Die Differenz zwischen dem Ankaufswert und dem jetzigen Preis für Weizen ist dann ihr Gewinn.
Heutzutage werden  nur noch 3% aller Futures tatsächlich, so wie abgemacht, geliefert.
Da die Anzahl der Futures nicht mit der tatsächlich vorhandenen Ware zusammenhängt und diese oft übersteigt, gibt es eine künstlich hohe Nachfrage durch Spekulanten. Dies wird dadurch unterstützt, dass man zum Kauf eines Futures als Sicherheitsleistung nur wenige Prozent des Wertes des Futures hinterlegen muss. So brauchen die Spekulanten fast kein Eigenkapital, da sie ihr Future  sowieso „glatt stellen“.

 

 

Was änderte sich in den letzten Jahren?
Nach 2000 stieg die Zahl dieser Spekulanten stark. Da Spekulationen auf Nahrungsmittel als ziemlich sicher galten, bewarben viele große Banken massiv die Investitionen in Lebensmittel. Dazu gründeten sie zahlreiche Investment Fonds und benutzten so das Geld ihrer Anleger für Nahrungsmittelspekulationen. Oxfam stellte in einer Studie fest, dass alle großen deutschen Banken mit Nahrungsmittel spekulieren oder spekuliert haben. Vor allem die Fonds der Allianz und der Deutschen Bank investieren mehrere Milliarden Euro in Spekulationen in diesem Bereich.
Ein weiterer Vorteil für Spekulanten war, dass sich der Rohstoffmarkt von anderen Finanzmärkten unabhängig bewegte. Die Preise hier wurden durch Angebot und Nachfrage von realen Verkäufern und Händlern bestimmt. So war der Rohstoffmarkt eine gute Alternative zu anderen Märkten, da so beim Spekulieren Risiken gestreut werden konnten. Ein Beispiel für den rasanten Anstieg an Investoren spiegeln folgende Zahlen: Laut Misereor stiegen in den Jahren von 2003 bis 2008 die Einzahlungen in die beiden größten Rohstoff-Indexfonds um 2300%, nämlich von ca. 13 Milliarden auf ca. 317 Milliarden US Dollar. Zeitgleich wurden auch die bis dahin geltenden Beschränkungen der Finanzmärkte gelockert. Doch gerade durch die Vielzahl an Investoren, die nur spekulierten, wurde diese Unabhängigkeit zunichte gemacht.

 

Wie beeinflussen Spekulationen den Preis?
Die Bauern orientieren sich beim Verkauf ihres Getreides am Future-Preis (ist der Verkaufspreis niedriger, entgeht ihnen Gewinn, ist der Preis höher, finden sie keine Abnehmer). Da der Future-Preis durch viele Spekulanten, die auf den selben Preistrend wetten steigen kann, kann so auch der normale Weizenpreis steigen. Außerdem sorgen die Spekulationen – wie oben angedeutet – für eine höhere Frequenz der Preisschwankungen. Im Jahr 2000 lagen diese Preisschwankungen an der Chicagoer Börse, eine der wichtigsten Rohstoffbörsen der Welt, bei 20-30%. Inzwischen bewegen sie sich oft bei 70-80%. Dies liegt vor allem daran, dass die Spekulanten schon vorhandene Trends verstärken. Sie wollen besonders hohe Gewinne machen, deshalb lautet ihre Formel: Je stärker der Preis steigt, desto höher der Gewinn. Gibt es in einem Jahr beispielsweise eine Missernte, steigen wegen der Knappheit der Ware die Preise und genau dann kaufen die Spekulanten sehr viele Futures. Beginnen einige zu kaufen, ziehen unzählige andere nach und sorgen dafür, dass der durch die Missernte ohnehin schon gestiegene Preis explodiert. Es bilden sich Preisblasen, die für Millionen von Menschen unbezahlbare Ware und den Hunger bedeuten. Wenn die Auswirkungen der Missernte vorbei sind, platzt die Blase, alle ziehen sich aus den Geschäften zurück und die Preise schießen in den Keller. Dies ist dann wiederum für die Getreidebauern schlecht, da diese ihr Getreide nicht mehr, zu einem für sie lohnenden Preis, loswerden.

 

Was kann dagegen getan werden?
Ganz klar, die Politik ist gefragt! Es gäbe verschiedene Gesetzesmöglichkeiten, welche die Spekulationen mit Lebensmitteln deutlich unattraktiver machen würden. Zuerst einmal sollte es stärkere Berichtspflichten geben und ein Gesetz, welches alle Geschäfte mit Rohstoffen an die Börse zwingt. Bisher wurden viele Geschäfte auch in sogenannten „Dark Pools“ oder direkt per Telefon geschlossen. Gäb es diese Möglichkeiten nicht könnte man besser unterscheiden, wer spekuliert und wer nicht. Nur so kann man Verbote für Spekulanten durchsetzen. Zweitens müsste es eine Anhebung der Sicherheitsleistungen geben. So müssten Spekulanten mehr Eigenkapital besitzen und könnten weniger mit Virtuellem wetten. Als drittes müssten Positionslimits (feste Begrenzung für Futures, welche von einem Händler gehalten werden dürfen) eingeführt werden, so würde sichergestellt werden, dass sich die Spekulation an den Börsen nicht noch mehr ausbreitet.  Zum Schlusswürde ein Verbot von Investmentfonds an Nahrungsmittelbörsen Sinn machen. Wenn die Banken unbedingt mit ihrem Geld irgendwo „zocken“ wollen, sollen sie das bitte dort machen, wo es nicht um Millionen Hungernde geht!

 

Bild: Creative-Commons-Lizenz by Jakob Huber/campact@flickr

Nahrungsmittelspekulationen

„Ich habe oft Angst, nach dem Preis zu fragen.

Ich frage von Weitem, höre es und gehe dann langsam wieder weg.“

(Landarbeiter aus Bangladesch, Oxfam 2011a: 5)

Dieser Satz könnte aus einer Milliarde Mündern kommen, denn ungefähr so viele Menschen hungern auf der Welt. Dies liegt zu einem Großteil an steigenden Lebensmittelpreisen. Für Menschen in Deutschland sind steigende Nahrungsmittelpreise verhältnismäßig ungefährlich – wir geben nur 10-20% unseres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Doch für Menschen aus dem globalen Süden, die bis zu 80% ihres Einkommens für Essen ausgeben, hat dies fatale Folgen: den Hunger.

Doch wieso steigen die Lebensmittelpreise?

Einige Gründe sind offensichtlich:

Die Weltbevölkerung wächst kontinuierlich. Die Produktion von Bio-Sprit verbrauchte in den letzten Jahren zusätzliche Lebensmittel.

Die wachsende Fleischindustrie braucht immer mehr Futter. Alle diese Faktoren führen zu einer größeren Nachfrage und damit zu einem höheren Preis. Diese Gründe können aber nicht erklären, wieso – vor allem seit 2006 – die Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais oder Soja nicht nur stark anstiegen, sondern zusätzlich extrem schwankten. Ein Beispiel: Im Jahr 2008 fielen die Maispreise, obwohl alle diese oben genannten Faktoren weiterhin aktiv waren. Eine sinnvolle Erklärung dafür könnten Nahrungsmittelspekulationen sein.

Wie funktioniert die Rohstoffbörse?

Es gibt verschieden Arten von Rohstoffhandel. Zum einen gibt es das sogenannte “spot trading”. Hier wechseln Ware und Geld sofort oder binnen weniger Tage den Besitzer. Im Gegensatz dazu gibt es auch den Terminhandel, wo die Zahlung und Lieferung der Ware erst zu einem späteren Termin erfolgen. Hier werden Futures ausgestellt. Ein Future ist ein Vertrag, bei dem ein Geschäft in der Zukunft beschlossen wird. Im Future werden der Abnahmetermin, der genaue Preis und die Qualität und Menge der Ware festgelegt. Ganz konkret: Ein Future kann z. B. zwischen einem Weizenbauern und einem Mühlenbesitzer abgeschlossen werden. Dadurch erhalten beide mehr Planungssicherheit. Sie können sicher sein, im nächsten Jahr ihren Weizen verkauft bzw. gekauft zu haben, und wissen, wie viel sie damit eingenommen bzw. dafür bezahlt haben.

Es gibt allerdings auch Spekulanten, die diese Futures kaufen, um auf steigende (oder fallende Preise) zu wetten. Diese Spekulanten investieren in Futures allein aus der Erwartung, sie später zu einem höheren Preis verkaufen zu können und dadurch einen Gewinn zu erwirtschaften Solange solche Spekulationen an der Börse in der Unterzahl sind, sind sie nicht problematisch, sondern stabilisieren sogar den Preis. Da diese Spekulanten aber kein Interesse an den Lebensmitteln haben, die sie durch ihre Futures gekauft haben, stellen sie diese kurz vor dem Auslaufen „glatt“. Dies bedeutet, dass sie sich z. B. den gekauften Weizen gar nicht liefern lassen, sondern ihn vorher selber teurer verkaufen. Die Differenz zwischen dem Ankaufswert und dem jetzigen Preis für Weizen ist dann ihr Gewinn.

Heutzutage werden nur noch 3% aller Futures tatsächlich, so wie abgemacht, geliefert.

Da die Anzahl der Futures nicht mit der tatsächlich vorhandenen Ware zusammenhängt und diese oft übersteigt, gibt es eine künstlich hohe Nachfrage durch Spekulanten. Dies wird dadurch unterstützt, dass man zum Kauf eines Futures als Sicherheitsleistung nur wenige Prozent des Wertes des Futures hinterlegen muss. So brauchen die Spekulanten fast kein Eigenkapital, da sie ihr Future sowieso „glatt stellen“.

Was änderte sich in den letzten Jahren?

Nach 2000 stieg die Zahl dieser Spekulanten stark. Da Spekulationen auf Nahrungsmittel als ziemlich sicher galten, bewarben viele große Banken massiv die Investitionen in Lebensmittel. Dazu gründeten sie zahlreiche Investment Fonds und benutzten so das Geld ihrer Anleger für Nahrungsmittelspekulationen. Oxfam stellte in einer Studie fest, dass alle großen deutschen Banken mit Nahrungsmittel spekulieren oder spekuliert haben. Vor allem die Allianz und die Deutsche Bank investieren mehrere Milliarden Euro in Spekulationen in diesem Bereich.

Ein weiterer Vorteil für Spekulanten war, dass sich der Rohstoffmarkt von anderen Finanzmärkten unabhängig bewegte. Die Preise hier wurden durch Angebot und Nachfrage von realen Verkäufern und Händlern bestimmt. So war der Rohstoffmarkt eine gute Alternative zu anderen Märkten, da so beim Spekulieren Risiken gestreut werden konnten. Ein Beispiel für den rasanten Anstieg an Investoren spiegeln folgende Zahlen: Laut Misereor stiegen in den Jahren von 2003 bis 2008 die Einzahlungen in die beiden größten Rohstoff-Indexfonds um 2300%, nämlich von ca. 13 Milliarden auf ca. 317 Milliarden US Dollar. Zeitgleich wurden auch die bis dahin geltenden Beschränkungen der Finanzmärkte gelockert. Doch gerade durch die Vielzahl an Investoren, die nur spekulierten, wurde diese Unabhängigkeit zunichte gemacht.

Wie beeinflussen Spekulationen den Preis?

Die Bauern orientieren sich beim Verkauf ihres Getreides am Future-Preis (ist der Verkaufspreis niedriger, entgeht ihnen Gewinn, ist der Preis höher, finden sie keine Abnehmer). Da der Future-Preis durch viele Spekulanten steigt, steigt auch der normale Weizenpreis. Außerdem sorgen die Spekulationen – wie oben angedeutet – für eine höhere Frequenz der Preisschwankungen. Im Jahr 2000 lagen diese Preisschwankungen an der Chicagoer Börse, eine der wichtigsten Rohstoffbörsen der Welt, bei 20-30%. Inzwischen bewegen sie sich oft bei 70-80%. Dies liegt vor allem daran, dass die Spekulanten schon vorhandene Trends verstärken. Sie wollen besonders hohe Gewinne machen, deshalb lautet ihre Formel: Je stärker der Preis steigt, desto höher der Gewinn. Gibt es in einem Jahr beispielsweise eine Missernte, steigen wegen der Knappheit der Ware die Preise und genau dann kaufen die Spekulanten sehr viele Futures. Beginnen einige zu kaufen, ziehen unzählige andere nach und sorgen dafür, dass der durch die Missernte ohnehin schon gestiegene Preis explodiert. Es bilden sich Preisblasen, die für Millionen von Menschen unbezahlbare Ware und den Hunger bedeuten. Wenn die Auswirkungen der Missernte vorbei sind, platzt die Blase, alle ziehen sich aus den Geschäften zurück und die Preise schießen in den Keller. Dies ist dann wiederum für die Getreidebauern schlecht, da diese ihr Getreide nicht mehr, zu einem für sie lohnenden Preis, loswerden.

Was kann dagegen getan werden?

Ganz klar, die Politik ist gefragt! Es gäbe verschiedene Gesetzesmöglichkeiten, welche die Spekulationen mit Lebensmitteln deutlich unattraktiver machen würden. Zuerst einmal sollte es stärkere Berichtspflichten geben und ein Gesetz, welches alle Geschäfte mit Rohstoffen an die Börse zwingt. Bisher wurden viele Geschäfte auch in sogenannten „Dark Pools“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Dark_Pool) oder direkt per Telefon geschlossen. Gäb es diese Möglichkeiten nicht könnte man besser unterscheiden, wer spekuliert und wer nicht. Nur so kann man Verbote für Spekulanten durchsetzen. Zweitens müsste es eine Anhebung der Sicherheitsleistungen geben. So müssten Spekulanten mehr Eigenkapital besitzen und könnten weniger mit Virtuellem wetten. Als drittes müsste ein Verbot von Investmentfonds an Nahrungsmittelbörsen existieren. Wenn die Banken unbedingt mit ihrem Geld irgendwo „zocken“ wollen, sollen sie das bitte dort machen, wo es nicht um Millionen Hungernde geht!


Nahrungsmittelspekulationen


„Ich habe oft Angst, nach dem Preis zu fragen.


Ich frage von Weitem, höre es und gehe dann langsam wieder weg.“


(Landarbeiter aus Bangladesch, Oxfam 2011a: 5)


Dieser Satz könnte aus einer Milliarde Mündern kommen, denn ungefähr so viele Menschen hungern auf der Welt. Dies liegt zu einem Großteil an steigenden Lebensmittelpreisen. Für Menschen in Deutschland sind steigende Nahrungsmittelpreise verhältnismäßig ungefährlich – wir geben nur 10-20% unseres Einkommens für Nahrungsmittel aus. Doch für Menschen aus dem globalen Süden, die bis zu 80% ihres Einkommens für Essen ausgeben, hat dies fatale Folgen: den Hunger.


Doch wieso steigen die Lebensmittelpreise?


Einige Gründe sind offensichtlich:


Die Weltbevölkerung wächst kontinuierlich. Die Produktion von Bio-Sprit verbrauchte in den letzten Jahren zusätzliche Lebensmittel.


Die wachsende Fleischindustrie braucht immer mehr Futter. Alle diese Faktoren führen zu einer größeren Nachfrage und damit zu einem höheren Preis. Diese Gründe können aber nicht erklären, wieso – vor allem seit 2006 – die Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais oder Soja nicht nur stark anstiegen, sondern zusätzlich extrem schwankten. Ein Beispiel: Im Jahr 2008 fielen die Maispreise, obwohl alle diese oben genannten Faktoren weiterhin aktiv waren. Eine sinnvolle Erklärung dafür könnten Nahrungsmittelspekulationen sein.


Wie funktioniert die Rohstoffbörse?


Es gibt verschieden Arten von Rohstoffhandel. Zum einen gibt es das sogenannte "spot trading". Hier wechseln Ware und Geld sofort oder binnen weniger Tage den Besitzer. Im Gegensatz dazu gibt es auch den Terminhandel, wo die Zahlung und Lieferung der Ware erst zu einem späteren Termin erfolgen. Hier werden Futures ausgestellt. Ein Future ist ein Vertrag, bei dem ein Geschäft in der Zukunft beschlossen wird. Im Future werden der Abnahmetermin, der genaue Preis und die Qualität und Menge der Ware festgelegt. Ganz konkret: Ein Future kann z. B. zwischen einem Weizenbauern und einem Mühlenbesitzer abgeschlossen werden. Dadurch erhalten beide mehr Planungssicherheit. Sie können sicher sein, im nächsten Jahr ihren Weizen verkauft bzw. gekauft zu haben, und wissen, wie viel sie damit eingenommen bzw. dafür bezahlt haben.


Es gibt allerdings auch Spekulanten, die diese Futures kaufen, um auf steigende (oder fallende Preise) zu wetten. Diese Spekulanten investieren in Futures allein aus der Erwartung, sie später zu einem höheren Preis verkaufen zu können und dadurch einen Gewinn zu erwirtschaften Solange solche Spekulationen an der Börse in der Unterzahl sind, sind sie nicht problematisch, sondern stabilisieren sogar den Preis. Da diese Spekulanten aber kein Interesse an den Lebensmitteln haben, die sie durch ihre Futures gekauft haben, stellen sie diese kurz vor dem Auslaufen „glatt“. Dies bedeutet, dass sie sich z. B. den gekauften Weizen gar nicht liefern lassen, sondern ihn vorher selber teurer verkaufen. Die Differenz zwischen dem Ankaufswert und dem jetzigen Preis für Weizen ist dann ihr Gewinn.


Heutzutage werden nur noch 3% aller Futures tatsächlich, so wie abgemacht, geliefert.


Da die Anzahl der Futures nicht mit der tatsächlich vorhandenen Ware zusammenhängt und diese oft übersteigt, gibt es eine künstlich hohe Nachfrage durch Spekulanten. Dies wird dadurch unterstützt, dass man zum Kauf eines Futures als Sicherheitsleistung nur wenige Prozent des Wertes des Futures hinterlegen muss. So brauchen die Spekulanten fast kein Eigenkapital, da sie ihr Future sowieso „glatt stellen“.


Was änderte sich in den letzten Jahren?


Nach 2000 stieg die Zahl dieser Spekulanten stark. Da Spekulationen auf Nahrungsmittel als ziemlich sicher galten, bewarben viele große Banken massiv die Investitionen in Lebensmittel. Dazu gründeten sie zahlreiche Investment Fonds und benutzten so das Geld ihrer Anleger für Nahrungsmittelspekulationen. Oxfam stellte in einer Studie fest, dass alle großen deutschen Banken mit Nahrungsmittel spekulieren oder spekuliert haben. Vor allem die Allianz und die Deutsche Bank investieren mehrere Milliarden Euro in Spekulationen in diesem Bereich.


Ein weiterer Vorteil für Spekulanten war, dass sich der Rohstoffmarkt von anderen Finanzmärkten unabhängig bewegte. Die Preise hier wurden durch Angebot und Nachfrage von realen Verkäufern und Händlern bestimmt. So war der Rohstoffmarkt eine gute Alternative zu anderen Märkten, da so beim Spekulieren Risiken gestreut werden konnten. Ein Beispiel für den rasanten Anstieg an Investoren spiegeln folgende Zahlen: Laut Misereor stiegen in den Jahren von 2003 bis 2008 die Einzahlungen in die beiden größten Rohstoff-Indexfonds um 2300%, nämlich von ca. 13 Milliarden auf ca. 317 Milliarden US Dollar. Zeitgleich wurden auch die bis dahin geltenden Beschränkungen der Finanzmärkte gelockert. Doch gerade durch die Vielzahl an Investoren, die nur spekulierten, wurde diese Unabhängigkeit zunichte gemacht.


Wie beeinflussen Spekulationen den Preis?


Die Bauern orientieren sich beim Verkauf ihres Getreides am Future-Preis (ist der Verkaufspreis niedriger, entgeht ihnen Gewinn, ist der Preis höher, finden sie keine Abnehmer). Da der Future-Preis durch viele Spekulanten steigt, steigt auch der normale Weizenpreis. Außerdem sorgen die Spekulationen – wie oben angedeutet – für eine höhere Frequenz der Preisschwankungen. Im Jahr 2000 lagen diese Preisschwankungen an der Chicagoer Börse, eine der wichtigsten Rohstoffbörsen der Welt, bei 20-30%. Inzwischen bewegen sie sich oft bei 70-80%. Dies liegt vor allem daran, dass die Spekulanten schon vorhandene Trends verstärken. Sie wollen besonders hohe Gewinne machen, deshalb lautet ihre Formel: Je stärker der Preis steigt, desto höher der Gewinn. Gibt es in einem Jahr beispielsweise eine Missernte, steigen wegen der Knappheit der Ware die Preise und genau dann kaufen die Spekulanten sehr viele Futures. Beginnen einige zu kaufen, ziehen unzählige andere nach und sorgen dafür, dass der durch die Missernte ohnehin schon gestiegene Preis explodiert. Es bilden sich Preisblasen, die für Millionen von Menschen unbezahlbare Ware und den Hunger bedeuten. Wenn die Auswirkungen der Missernte vorbei sind, platzt die Blase, alle ziehen sich aus den Geschäften zurück und die Preise schießen in den Keller. Dies ist dann wiederum für die Getreidebauern schlecht, da diese ihr Getreide nicht mehr, zu einem für sie lohnenden Preis, loswerden.


Was kann dagegen getan werden?


Ganz klar, die Politik ist gefragt! Es gäbe verschiedene Gesetzesmöglichkeiten, welche die Spekulationen mit Lebensmitteln deutlich unattraktiver machen würden. Zuerst einmal sollte es stärkere Berichtspflichten geben und ein Gesetz, welches alle Geschäfte mit Rohstoffen an die Börse zwingt. Bisher wurden viele Geschäfte auch in sogenannten „Dark Pools“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Dark_Pool) oder direkt per Telefon geschlossen. Gäb es diese Möglichkeiten nicht könnte man besser unterscheiden, wer spekuliert und wer nicht. Nur so kann man Verbote für Spekulanten durchsetzen. Zweitens müsste es eine Anhebung der Sicherheitsleistungen geben. So müssten Spekulanten mehr Eigenkapital besitzen und könnten weniger mit Virtuellem wetten. Als drittes müsste ein Verbot von Investmentfonds an Nahrungsmittelbörsen existieren. Wenn die Banken unbedingt mit ihrem Geld irgendwo „zocken“ wollen, sollen sie das bitte dort machen, wo es nicht um Millionen Hungernde geht!

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