Preisdruck

Nirgendwo in Europa sind die Lebensmittel so billig und die Discounterdichte so groß wie in Deutschland. Kaum jemand in Europa gibt so wenig Geld aus für Lebensmittel wie der Durchschnittsdeutsche (ca. 10 Prozent seines Einkommens). Warum aber sind die Preise unserer Lebensmittel so niedrig? Einen bedeutenden Einfluss auf die Preise im Lebensmittelsektor haben global agierende Lebensmittelkonzerne wie Nestlé oder Kraft Foods, die im Zuge der Globalisierung versuchen, ihre Produkte in immer mehr Ländern der Welt zu verkaufen. Wir haben im Supermarkt zwar schnell das Gefühl, vor einer riesigen Auswahl von Produkten zu stehen, doch der Schein trügt, denn meist verbirgt sich ein und derselbe Hersteller hinter den verschiedenen Marken. Das Problem einer so hohen Marktkonzentration besteht in der erhöhten Verhandlungsmacht der Unternehmen. Die Produzenten haben keine Alternativen mehr, ihre Waren an andere Abnehmer zu verkaufen und müssen sich daher auf den geforderten Preis der Lebensmittelkonzerne einlassen. Umgekehrt fällt es den Konzernen leicht, andere Produzenten zu finden, die ihre Bedingungen akzeptieren. Doch nicht nur die Lebensmittelkonzerne haben die Macht, die Preise zu drücken, sondern auch die großen Supermarktketten. Durch viele Übernahmen und Zusammenschlüsse beherrschen die Ketten Aldi, Lidl, Edeka, Rewe und Metro fast den gesamten deutschen Markt. Vergleichsweise kleine Läden werden verdrängt und Hersteller, die die geforderten Bedingungen nicht erfüllen können oder etwa zu teuer sind, werden vom Markt ausgeschlossen und ersetzt. Durch diese Taktik erzielen die Konzerne und Supermarktketten immer höhere Gewinne. Der Preisdruck spiegelt sich dann letztendlich in den niedrigen Löhnen der Arbeiter/innen und der zunehmenden  Industrialisierung der Landwirtschaft wieder. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass für die Mehrheit der Deutschen neben Qualität, der Preis das wichtigste Kriterium für den Kauf bestimmter Lebensmittel ist. Solange wir nur auf den Preis achten und es uns egal ist, unter welchen Bedingungen Lebensmittel produziert werden, wird sich wohl kaum etwas an den Verhältnissen ändern. Sich zu informieren und die Herstellungsprozesse zu hinterfragen, lohnt sich also. Druck und Macht üben die Discounter übrigens nicht nur gegenüber den Lieferanten und Produzenten aus, sondern auch gegenüber ihren eigenen Angestellten. So ist beispielsweise Lidl aufgrund übermäßiger Kontrolle und Belastung seiner Mitarbeiter/innen sowie der Unterdrückung von Betriebsräten in den letzten Jahren immer wieder negativ in die Schlagzeilen geraten.

Agrarsubventionen
Bei vielen landwirtschaftlichen Produkten wie zum Beispiel Milch, würde es sich normalerweise aus rein wirtschaftlicher Sicht gar nicht lohnen, sie hier bei uns zu produzieren. Billiger wäre es, sie aus anderen Ländern zu beziehen. Die EU fördert allerdings die europäische Landwirtschaft mit 55 Milliarden Euro jährlich, sodass es sich auch für unsere Bauern lohnt, landwirtschaftliche Produkte zu erzeugen. Diese Zahlungen werden als Agrarsubventionen bezeichnet. Diese Politik begann nach dem zweiten Weltkrieg und sollte die damalige Nahrungsmittelknappheit reduzieren. Heute produzieren wir jedoch große Überschüsse, die dann billig auf afrikanischen Märkten verkauft werden. Die Preise sind aufgrund der Subventionen so niedrig, dass die einheimischen Bauern keine Chance haben, mit ihren Produkten zu konkurrieren. Verlieren die Bauern jedoch ihre Einkommensgrundlage, können sie sich auch die billigen Importe aus dem Norden nicht leisten. Da in diesen Ländern meist der Großteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist, profitiert oft nur eine kleine Elite von diesen Strukturen. Die Länder werden dauerhaft abhängig von den Lebensmitteln aus dem Norden und den Preisen, die wir für ihre Güter zahlen. Die Abschaffung der Agrarsubventionen oder eine stärkere Verknüpfung der Gelder an eine umweltschonende Landwirtschaft steht in Deutschland und der Europäischen Union immer wieder zur Diskussion. Die Umsetzung scheitert regelmäßig an der starken Interessenvertretung der europäischen Bauernverbände.

Exportabhängigkeit und Landaneignung
Viele Länder des globalen Südens sind hoch verschuldet und können ihre Schulden nur begleichen, wenn sie durch Exporte, d. h. dem Verkauf ihrer Güter ins Ausland, Einnahmen erzielen. Daher wird in vielen dieser Länder der Großteil der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen dafür verwendet, Agrarprodukte für die Industrieländer anzubauen, anstatt Nahrungsmittel für die eigene Bevölkerung zu produzieren. „Verkaufen“ können sie oft nur ihre billigen Arbeitskräfte und begehrte Rohstoffe wie Metalle oder Lebensmittel. Regierungen sind daher oft bereit, Land an multinationale Unternehmen zu verkaufen, die dort im großen Stil Bananen, Palmöl oder Baumwolle für den Export anbauen oder nach anderen wertvollen Rohstoffen suchen. Landwirtschaftlich nutzbare Fläche wird ein immer knapperes Gut und so kaufen mittlerweile auch Staaten wie China oder Saudi Arabien Land in anderen Staaten. Aus Angst, ihre wachsende Bevölkerung bald nicht mehr selbst ernähren zu können, bauen sie in armen Ländern Afrikas und Asiens Grundnahrungsmittel wie Mais oder Weizen an. Problematisch daran ist, dass das Land häufig ohne Rücksicht auf die dort lebenden Menschen in den Besitz ausländischer Investoren geht. Die Bauern, die meist ausschließlich für den Eigenbedarf Landwirtschaft betreiben, werden verdrängt und verlieren ihre Lebensgrundlage. Der Faire Handel ist ein guter Ansatz, um Strukturen zu schaffen, von denen die Menschen im Süden profitieren. Zur Schaffung eines gerechten Welthandels gehört jedoch noch viel mehr, beispielsweise der Abbau internationaler Handelshemmnisse wie Agrarsubventionen oder hohe Einfuhrzölle.

Filmtipps:
“Hauptsache billig” - Eine Dokumentation darüber, wie niedrige Preise gemacht werden. Beispiel: Paprika von Netto.
“Welthandel” - Ein kurzer Animationsfilm zum Thema Welthandel.

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Bild: himberry / photocase.com