Wegwerfen

Vertraut klingen sie, die Geschichten von den weggeworfenen Lebensmitteln: Jeder zweite Kopfsalat wird aussortiert. Joghurts, die kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus den Supermarktregalen verbannt werden. Tonnenweise von weggeworfenen Früchten – ihr einziger Makel: sie sind überreif. Kartoffeln, die der offiziellen Norm nicht entsprechen, bleiben auf dem Feld liegen und kleine Schönheitsfehler entscheiden über das Schicksal als Ladenhüter. Oder die Geschichten aus der Backbranche, wo teilweise bis zu einem Fünftel der Backwaren nach Feierabend entsorgt wird.

 

Die Überflussgesellschaft, in der massenweise Waren angeboten und dadurch entwertet werden, ist längst schon in unseren Supermärkten und Kühlschränken angekommen. Nirgendwo zeigt sich die Perversität des grenzlosen Produzierens, Konsumierens und Dumpings deutlicher als hier. Über 30 Prozent der weltweit produzierten Lebensmittel werden laut „Global food losses and food waste“, eine Studie aus dem Jahr 2011 von der FAO (englisch für „Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation“), weggeworfen. Laut einer Studie der Universität Stuttgart (2012) landen allein in Deutschland jährlich 11 Millionen Tonnen Lebensmittel auf den Müllhalden.

 

Die Gründe für die Lebensmittelverschwendung unterscheiden sich stark zwischen den Ländern des globalen Südens und Nordens. Im Süden ist es oft notwendig, Lebensmittel wegzuwerfen, da sie durch eine mangelhafte Lagerung oder unangemessene Verpackung schlecht geworden sind. In den Ländern des globalen Nordens hingegen ist fast die Hälfte der weggeworfenen Lebensmittel ganz und gar genießbar! Die Überschreitung des Haltbarkeitsdatums, der Überfluss an Lebensmitteln, ausgeschöpfte Lagerkapazitäten, Druckstellen – all das sind Gründe, weshalb die Lebensmittel in den Abfall wandern. Die Länder des globalen Nordens werfen also mehrere Millionen Tonnen genießbarer Lebensmittel weg, womit mehrere Milliarden Menschen ernährt werden könnten.

 

Erstaunlicherweise stammt der Hauptteil der Lebensmittelabfälle aus Privathaushalten. Durchschnittlich wirft jeder Bürger pro Jahr etwa 82 kg Lebensmittel weg. Umgerechnet in Euros heißt das, dass eine Person ungefähr 235 Euro im Jahr wegwirft. Rund 17 % der Lebensmittelabfälle entfallen auf die Lebensmittelindustrie. Die gesetzlichen bzw. vom Handel fixierten Größen-, Farb- und Formvorgaben führen dazu, dass große Mengen an essbaren Lebensmitteln bereits bei der Ernte aussortiert werden. Auch bei Großverbrauchern wie Gaststätten, Schulen oder Kantinen und im Einzelhandel (Supermärkte) werden viele Lebensmittel weggeworfen. Nicht verbrauchte oder verkaufte Lebensmittel wandern in den Müll, auch Beschädigungen und kosmetische Makel führen zum Aussortieren.

 

Einer der wesentlichen Gründe aber, warum in Privathaushalten und Supermärkten viel weggeschmissen wird, ist das Mindesthaltbarkeitsdatum. Es wird oft als Verfallsdatum verstanden, obwohl das NICHT der Fall ist. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist eine Herstellergarantie für die Produktqualität, d.h. dass der Hersteller bis zu dem angegebenen Datum garantiert, dass die ursprünglichen Produkteigenschaften wie etwa die Cremigkeit eines Joghurts erhalten bleiben. Nach Ablauf des Datums können die Lebensmittel also durchaus noch verzehrt werden, was den wesentlichen Unterschied zum Verfallsdatum ausmacht. Für besonders leicht verderbliche Produkte durch Keime wie Hackfleisch ist dagegen ein Verfalls- oder Verbrauchsdatum vorgeschrieben, der den Zeitpunkt angibt, bis zu dem das Essen wirklich verbraucht werden sollte.

 

Je nach Art der Gründe für die Lebensmittelverschwendung können Lösungsansätze entwickelt werden, um das Wegwerfen so weit wie möglich zu reduzieren. In den Ländern des globalen Südens wäre es besonders notwendig, in die Infrastruktur und in technische Lösungen zu investieren, wie etwa die Entwicklung von entsprechenden Aufbewahrungs- und Kühlungssystemen. Darüber hinaus wäre es wichtig, Bauern und andere Produzenten besser miteinander zu vernetzen. Durch Kooperationen könnten die Produzenten ihre Produkte besser vermarkten und wären dadurch konkurrenzfähiger gegenüber den größeren Konzernen. Im globalen Norden liegt das Problem vor allem in der durch Überfluss und ständiger Verfügbarkeit fehlenden Wertschätzung von Lebensmitteln. Ein Lösungsvorschlag wäre hier beispielsweise die Verlängerung des Mindesthaltbarkeitsdatums, das oftmals viel zu knapp bemessen ist. Auch kleinere Verpackungen und die Lockerung zahlreicher Richtlinien zu Form und Größe von Obst und Gemüse könnten den Wegwerfwahnsinn deutlich reduzieren. Am wichtigsten wäre es aber wohl, durch Kampagnen zur Bewusstseinsbildung und etwaigen Bildungsangeboten die Wertschätzung von Lebensmitteln zu verbessern. Zu guter Letzt liegt das große Problem aber einfach auch in der ungleichen Verteilung von Lebensmitteln: Während manche Leute im Überfluss leben, haben andere keinen oder einen nur sehr eingeschränkten Zugang zu Lebensmitteln. Um diese Ungleichverteilung von Nahrungsmitteln auszugleichen, gibt es keine einfache Lösung. Die gesamte Lebensmittelproduktion und der weltweite Handel müssten hierfür neu gedacht und vollkommen anders organisiert werden. Sowohl auf globalem als auch auf lokalem Niveau müssten also Systeme eingeführt werden, die diese Ungleichverteilung wieder ausgleichen. Exportbeziehungen zwischen den Ländern, Subventionen und Lebensmittelspekulationen sind nur einige Elemente, die dabei bedacht und radikal anders aufgestellt werden müssten.

 

Was Du selbst tun kannst!

 
Orte in Hamburg zum Thema Essen!

 

Links
Film „Taste the Waste“Ein Dokumentarfilm über Lebensmittel, die im Mülleimer landen.
Foodsharing - Eine Plattform, auf der Du Deine Lebensmittel vor dem Verfall an soziale Einrichtungen oder andere Personen abgeben kannst.
Culinary Misfits - Ein Projekt von zwei Berlinerinnen, die dafür kämpfen, auch die Schrägen und Krummen beim Gemüse zu ernten und in der Küche zu verarbeiten.
Mundraub - Eine Plattform, auf der Bäume, Wildfrüchte und Kräuter gekennzeichnet sind, die öffentlich zugänglich sind und auf Pflücker/innen warten.
Hamburger Tafel - Die Hamburger Tafel sammelt überschüssige Lebensmittel ein und verteilt diese an soziale Einrichtungen, die Bedürftige mit Essen versorgen.
Buch „Die Essensvernichter“ - Ein Buch über die Überwindung der gewissenlosen Wegwerfgesellschaft.

Bild: Creative-Commons-Lizenz by Pierre@flickr