global betrachtet

| definition | was heißt hier flüchtling?
Im Unterschied zu Migranten/innen, die ihre Ausreise in der Regel lange planen, müssen Flüchtlinge ihre Heimat meistens überstürzt verlassen, da ihr Leben bedroht ist. Offiziell gelten sie jedoch auch dann noch nicht als Flüchtling. Entscheidend sind die Fluchtgründe und der Fluchtweg. Als Flüchtlinge werden Personen nur dann bezeichnet, wenn sie unter die Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) fallen. Die Genfer Flüchtlingskonvention ist ein universell geltendes Abkommen, das den weltweiten Flüchtlingsschutz regelt und bislang von 147 Ländern unterzeichnet wurde. Ihr zufolge ist ein Flüchtling, wer „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen seiner politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt […]“.

Problematisch an dieser Definition ist, dass sie über das Schicksal vieler Menschen bestimmt, die dieser Definition nicht entsprechen und trotzdem Hilfe benötigen, da sie ihre Heimat verlassen mussten. Da wären zum einen die Binnenflüchtlinge, die keine Staatsgrenzen überqueren, sondern „nur“ innerhalb ihres Landes fliehen. Demnach sind sie keine Flüchtlinge und fallen somit auch nicht in die Zuständigkeit des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Der offizielle Flüchtlingsstatus ist jedoch erforderlich, um Hilfsprogramme der Vereinten Nationen in Anspruch nehmen zu können. Die Gruppe der Binnenflüchtlinge umfasst immerhin weltweit 26 Millionen Menschen, wovon die Hälfte in afrikanischen Ländern lebt. Eine weitere Gruppe, die durch das Raster dieser Definition fällt, sind die sogenannten „Umweltflüchtlinge“. Da umweltbezogene Ursachen bislang nicht in der GFK berücksichtigt sind, werden Umweltflüchtlinge wie Wirtschaftsflüchtlinge behandelt und haben ebenfalls keinen Anspruch auf Unterstützung durch die Hilfsprogramme der Vereinten Nationen.

| ausmaß |
Weltweit befinden sich derzeit ca. 40 Millionen Menschen auf der Flucht, knapp die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. Um zumindest eine ungefähre Vorstellung von dem Ausmaß zu bekommen, hilft es vielleicht, sich vorzustellen, dass diese Zahl in etwa der Hälfte der Einwohnerzahl Deutschlands entspricht (2011: ca. 82 Millionen).

Das erste Ziel, das Flüchtlinge in der Regel ansteuern, sind sichere Regionen im eigenen Land oder sichere, Nachbarländer. Die Gründe dafür sind, dass eine Flucht immer mit Gefahren, Anstrengungen und Kosten verbunden ist. Hinzu kommt, dass viele Flüchtlinge sobald wie möglich in ihre Heimat zurückkehren möchten und daher nicht unnötig weite Wege in Kauf genommen werden.

Da die sogenannten „Entwicklungsländer“ am häufigsten von kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen sind – 80% aller Flüchtlinge weltweit leben in Entwicklungsländern – sind sie es auch, die die größte Verantwortung im Flüchtlingsschutz tragen. Einige Staaten in Afrika und Asien mit viel geringeren wirtschaftlichen Ressourcen als die Industriestaaten nehmen mitunter größere Zahlen von Flüchtlingen für wesentlich längere Zeiträume auf. Obwohl die Hauptlast der Aufnahme von Flüchtlingen nicht von den reichen Industriestaaten geleistet wird, kann man immer wieder beobachten, dass hierzulande sowohl Medien wie auch Politiker nicht müde werden, genau dieses Bild zu zeichnen. Sie sprechen von „Flüchtlingsströmen“ und „Flüchtlingswellen“, die „auf uns zurollen“ oder „uns überfluten“. Auch ist häufig die Rede vom „Massenansturm“ aus afrikanischen Ländern. Diese Bilder schüren die Angst der Menschen in den reichen Industriestaaten vor Überfremdung, dem Zusammenbrechen bestehender Systeme oder gar dem Untergang Europas. Auf diese Weise werden Maßnahmen zur Abwehr von Flüchtlingen gerechtfertigt, die eindeutig grundlegende Menschenrechte verletzten. Viele Menschenrechtsexperten/innen bezeichnen die derzeitigen Vorgänge zur Flüchtlingsabwehr daher als „historischen Skandal“.

| fluchtgründe |
In den seltensten Fällen verlässt jemand freiwillig seine Heimat, seine Familie, seine Freunde oder seinen Besitz.

Häufig sind es kriegerische Auseinandersetzungen, die Menschen dazu bewegen zu fliehen. Weltweit sind zwischenstaatliche Kriege seltener geworden, dafür steigt die Anzahl innerstaatlicher Konflikte und der Bürgerkriege. Westliche Länder scheinen auf den ersten Blick dabei unbeteiligt zu sein. Allerdings spielen nicht selten ihre wirtschaftlichen Interessen doch eine Rolle. Sie haben Interesse an bestimmten Rohstoffen und liefern Waffen an Gruppierungen, von denen sie meinen, dass sie den Zugriff auf diese Rohstoffe ermöglichen werden. So ergibt sich, dass westliche Länder in vielen Fällen als Waffenlieferanten fungieren oder andere politische wie auch wirtschaftliche Abkommen mit konfliktbeteiligten Parteien bestehen.

Auch ökologische Katastrophen wie Erdbeben, Wirbelstürme, Überflutungen oder Dürren und Zerstörungen führen dazu, dass Menschen fliehen müssen. Aufgrund des Klimawandels kann davon ausgegangen werden, dass die Zahl der „Umweltflüchtlinge“ rasant steigen wird. An manchen Orten ist es der steigende Meeresspiegel, an anderen die Wüstenausbreitung, die eine weitere Existenz vor Ort unmöglich machen.

Gründe für eine Flucht können aber auch Vertreibung, Armut oder Verfolgung und Folter sein, die Menschen aufgrund ihrer politischen Haltung, der sexuellen Orientierung, der religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit droht. Darüber hinaus fliehen Frauen auch vor drohender Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Vergewaltigung oder Zwangsprostitution. In Hinblick auf Kinder und Jugendliche gibt es abgesehen von den bereits erwähnten Gründen spezielle Motive für die Flucht. Neben Missbrauchs- und Gewalterfahrungen führt in vielen Ländern die Angst vor der Rekrutierung als Kindersoldat dazu, dass sich Kinder und Jugendliche auf die Flucht begeben.

Damit Menschen nicht ihre Heimat verlassen müssen, ist es von zentraler Bedeutung die Gründe, die sie dazu veranlassen, genau zu analysieren und langfristig zu bekämpfen. Oft sind die Probleme und Konflikte, die Menschen aus ihrer Heimat vertreiben, sehr komplex und ineinander verwoben. Daher gibt es häufig keine einfachen, schnellen Lösungen, um die Situation grundlegend zu verbessern. Betrachtet man jedoch die Flüchtlingspolitik und den Umgang mit Flüchtlingen in westlichen Industrienationen, gewinnt man immer wieder den Eindruck, dass anstatt der Ursachen für Flucht und Vertreibung, die Flüchtlinge selbst bekämpft werden. Jede Form von humanitärer Arbeit zur Unterstützung von Flüchtlingen kann daher kein Ersatz für politische Schritte sein, die dafür Sorge zu tragen haben, dass Menschen in ihrer Heimat in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Stabilität leben können.

Was Du selbst tun kannst!
Orte in Hamburg zum Thema Flucht!

Bild: Open School 21